7. Mai: Mackenzie – Fort St. John
Vom Auto aus sah ich heute direkt neben der Strasse kurz vor dem Pine Pass Summit (933 m ü.M.) einen Bären, der friedlich nach Futter suchte. Ganz unglücklich war ich allerdings auch nicht, dass ich Meister Petz vom Auto aus sah und er mir nicht auf einer Wanderung begegnete. Ich wüsste nicht wirklich, was zu tun wäre, falls ich auf einen Bären in freier Natur träfe – zumal es hierzu sehr verschiedene Theorien gibt. Eines scheint sicher, falls einem das Leben lieb ist: Keine Wanderung ohne Bärenspray.
Heute hat es zwischendurch wieder einmal kräftig geschneit. In Dawson Creek startete ich meine Reise auf dem weltberühmten Alaska Highway, welcher 2‘450 km (1‘523 Meilen) lang ist. Dawson Creek gilt als Mile O des Alaska Highways, der über BC, den Yukon bis nach Delta Junction im US-Bundesstaat Alaska führt. Der Highway wurde 1942 unter härtesten Bedingungen in nur 8 Monaten errichtet und sollte die Versorgung Alaskas über den Landweg gewährleisten. Die Amerikaner rechneten damals jederzeit mit einem japanischen Angriff auf Alaska.
8. Mai: Fort St. John – Fort Nelson
Am Tag, an welchem der 22. Meistertitel des FC Bayern offiziell wurde, ging es weiter Richtung Norden nach Fort Nelson.
Ich habe keinerlei Zimmerbuchungen im Vorhinein gemacht. Mit der Herbergssuche ist es immer so eine Sache und manchmal braucht man wirklich etwas Glück, um ein sauberes Zimmer zu einem vernünftigen Preis zu finden. Ab und zu wünschte ich mir freilich – wie wohl der eine oder andere Mensch auf dieser Erde – etwas Desinfektionsmaterial bei mir zu haben, um allenfalls das eine oder andere zu desinfizieren (warum nicht mal die Fernbedienung des Televisionsapparates oder den Türknauf).
Apropos: Ich halte dauernd Ausschau nach Heinrich Kieber – bislang ohne jeden Erfolg. Allenfalls müsste ich meine Suche eher auf Henry konzentrieren, da er seinen Namen ja angepasst hat. Ich bleibe mir freilich treu und habe im Gegensatz zum Henry oder meinen chinesischen Kollegen keinen Decknamen, obwohl sich die Kanadier an meinem Namen die Zähne ausbeissen. Um die Sache abzukürzen verweise ich jeweils auf den Lyriker Rilke und, falls es sich um Literaturbanausen handelt, bleibt mir nur noch ein resignierendes Look outside at the weather and add «er»!
An dieser Stelle darf ich der lieben Leserin, dem lieben Leser, meines Blogs noch ein nordamerikanisches Gesöff schmackhaft machen, nämlich Mug Root Beer (Wurzelbier). Ich kam heute Abend ins Vergnügen. Es handelt sich um ein kohlensäurehaltiges Softgetränk, mit einem Hauch von Hustensirup gepaart mit Almdudler. Wenn es Dir über den Weg läuft, dann möge gelten: Don’t be shy, give it a try!
Morgen geht es noch weiter in den Norden, allenfalls stosse ich ja dort auf den alten Schwerenöter Heinrich.
9. Mai: Fort Nelson – Watson Lake
Heute ging es weiter nach Watson Lake, einer Ortschaft im Yukon. Der Yukon ist keine kanadische Provinz, sondern ein Territorium mit 34‘157 Einwohnern. Ich bin nun am nördlichsten Punkt meiner Reise angekommen. Während Vancouver in etwa auf demselben Breitengrad wie Mannheim liegt, liegt Watson Lake in etwa auf derselben Höhe wie Stockholm oder Oslo.
Auf meiner Fahrt heute, in welcher ich wieder einmal in ein Schneegestöber geriet, sah ich sehr viele Tiere (einen Bären, zahlreiche Elche, Büffel und Dall-Schafe). Auf halber Strecke frönte ich meiner Leidenschaft, dem Thermalbaden. Nach Taiwan, Neuseeland und Island testete ich heute die kanadischen Liard Hot Springs, zwei ziemlich heisse Naturtümpel, welche sich in einem Wald befinden und frei zugänglich sind.
Watson Lake ist für seinen Schilderwald berühmt. Aus aller Herren Länder hängen an Holzpfählen zehntausende Autokennzeichen und Ortstafeln. Ich stiess auch auf ein stattliches Gemeindewappen aus Liechtenstein. Gratulation an die Gemeinde Schaan, welche in Watson Lake verewigt wurde. Den Znacht habe ich in einer echten Fernfahrerkneipe mit herbem Charme, aber schmackhaftem Essen eingenommen. Als Mann von Welt fühle ich mich überall zu Hause – auch unter Fernfahrern.
Den Heinrich sah ich nicht. Wahrscheinlich verkriecht er sich lieber in einer dunklen Ecke, weshalb es ihm hier oben zu hell sein dürfte…